Sorge um die Geburtshilfe

Zwei Hebammen-Generationen, derselbe Herzensberuf: Sabine Jäger (links), seit 37 Jahren Hebamme im Klinikum Bad Hersfeld, und Leonie Hake, Studentin im siebten Semester

Hersfeld-Rotenburg – Fast jede zweite Hebamme in Deutschland denkt daran, ihren Beruf an den Nagel zu hängen. Den heutigen Welthebammentag nehmen auch die Hebammen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg zum Anlass, auf ihre teils existenzbedrohende Lage aufmerksam zu machen.

Insbesondere Freiberuflerinnen, die als Beleghebammen in einer Klinik arbeiten, sorgen sich, weiß Christiane Friedrich von der Hebammenpraxis Storchenwiese in Rotenburg. Sie arbeitet im Eschweger Klinikum Werra-Meißner im Belegsystem, betreut freiberuflich in Rotenburg Schwangere in Vorsorge und Wochenbett. Sie konnte erreichen, dass die Klinik sie anstellt, und weiß damit zumindest rund 20 Prozent ihrer Existenz gesichert. Doch sie kennt die Nöte der Freiberuflerinnen aus eigener Erfahrung: „Sie leiden unter den drastisch steigenden Prämien für die Berufshaftpflicht von zuletzt bis zu 15.000 Euro jährlich.“ Dazu komme der neue Hebammenhilfevertrag vom November 2025, der die Geburtshilfe im Belegsystem wirtschaftlich untergrabe.

Er löste heftige Kritik aus, denn für Beleghebammen bedeutet er bis zu 35 Prozent weniger Geld sowie noch mehr Bürokratie. Durchgesetzt vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, sieht er unter anderem zwar mehr Geld für die 1:1-Betreuung bei einer Geburt vor, dafür Abzüge bei jeder weiteren, parallel betreuten Frau. „Die volle Verantwortung aber bleibt bestehen“, kritisiert Friedrich. Das bilde nicht die Arbeitswirklichkeit ab. Dass der Vertrag zum 1. April leidlich nachgebessert wurde, ist für sie nur das Mindeste. Zum Beispiel wird nun die 1:1-Pauschale bezahlt, auch wenn die Hebamme die Geburt nur kurz betreut.

Trotzdem bleibt für sie vieles ein Ärgernis. Minutengenaue Abrechnung, nicht ausreichend angepasste Vergütungen für Hausbesuche oder starre Zeitvorgaben, zum Beispiel: „Beim Abrechnen zählt jetzt die Zeit, nicht der jeweilige Fall.“ Und: „Es fehlt die Planungssicherheit für das feste Standbein der freiberuflichen Hebammen, den Kursen.“ Die Krankenkasse zahle nur, wenn die Frauen an jedem Termin teilgenommen und dies quittiert haben. Doch manche kämen nur sporadisch.

Wieviel Hebammen aushalten müssen, abgesehen von der physisch anstrengenden Arbeit im Kreißsaal, braucht man Sabine Jäger gar nicht erst zu fragen. Sie lacht nur: „Das wissen wir doch, dass wir auch dazu da sind, die Frauen emotional aufzufangen.“ Seit 40 Jahren ist sie Hebamme, 37 Jahre davon am Klinikum in Bad Hersfeld, wo sie die Geburtsstation leitet. Sie sagt, in ihrem Beruf habe man schon immer kämpfen müssen: für die eigenen Rechte, „aber vor allem darum, dass die Frauen gut versorgt werden.“

Hebammen sind in Not

Nicht einmal Bundeskanzler Friedrich Merz wusste noch vor wenigen Monaten, dass Hebammen in Deutschland in Nöten sind, wie er in einer Live-ARD-Sendung im Dezember zugeben musste. In der Region kämpfen Berufsvertreterinnen wie Christiane Friedrich aus Rotenburg um Anerkennung und Gerechtigkeit für die Hebammen im Gesundheitswesen. Ihr geht es vor allem um die Freiberuflerinnen, die als Beleghebammen in der Klinik arbeiten und daneben Kurse, Vorsorge- und Wochenbettbetreuung anbieten.

Die überwiegende Zahl der rund 29.000 Hebammen in Deutschland arbeitet freiberuflich, rund 18.000 derzeit. Friedrich war schon in den Kliniken in Rotenburg, Fritzlar und Bad Hersfeld im Einsatz, hat die Schließung der Rotenburger Entbindungsstation 2011 miterlebt. Trotz vieler struktureller Schwierigkeiten liebt die 47-Jährige ihren Beruf. „Es ist schön, Kinder aufwachsen zu sehen, die ich schon als Babys kannte.“ Sie will Frauen ermutigen, ihren Körper in den Mittelpunkt zu stellen, und bei ihnen ein Bewusstsein dafür schaffen, wie eine Geburt sie verändert. Sie hat viele Fortbildungen absolviert, unter anderem in traditioneller Hebammenkunde, denn: „Die Technik ist nur so gut wie der, der sie bedient.“ Zudem hat sie sich zur Praxisanleiterin ausbilden lassen, um Studierende in der Klinik zu begleiten.

Eine Studentin und angehende Hebamme ist Leonie Hake, 21 Jahre, die ihr duales Studium an der Uni Fulda absolviert. Für den Praxisteil hat sie sich am Hersfelder Klinikum beworben. Bei 70 Geburten war die Thüringerin schon dabei. Angeleitet wird sie in Bad Hersfeld unter anderem von Sabine Jäger, seit 37 Jahren am Klinikum. Fast so lange ist sie auch in der Leitungsfunktion. Wie lange man als Hebamme seinen Beruf gesund ausüben könne, sei oft eine Frage des Rückens, erzählt die 63-Jährige: „Viele Hebammen haben Bandscheibenvorfälle an der Lenden- oder Halswirbelsäule, wegen der vorgebückten, verdrehten Haltung. Das ist eben unser Berufsrisiko.“

Die Klinik will den Frauen von vornherein Ängste nehmen, es gibt Infoabende und Kennenlerngespräche mit den Hebammen, es werden die Wünsche der Frauen vermerkt. „Wir machen alles mit“, meint Jäger, „nur Walgesänge kann ich nicht mehr hören“, lacht sie über einen ehemaligen Trend. „Wir haben im Kreißsaal auch schon Benjamin Blümchen gehört, Krimis und einen Gottesdienst.“ Was eben gut tut, in einer Ausnahmesituation wie einer Geburt. Dass die Väter dabei sind oder eine andere Vertrauensperson, sei längst selbstverständlich.

Unter den mindestens 3600 Geburten, für die Sabine Jäger bisher verantwortlich war, haben sie die ihrer Nichten und Neffen, mittlerweile auch einiger Großnichten und -neffen, am meisten geprägt. Sie selbst habe einen Beruf ausüben wollen, bei dem sie mit Frauen arbeite. Frauen sollen sicher gebären können, sich wohlfühlen. All ihr Herzblut steckt sie in diese Aufgabe. „Wir haben schon einen krass schönen Beruf“, fasst es Studentin Hake zusammen. Über die starke Wortwahl muss Sabine Jäger schmunzeln: „Das stimmt auf jeden Fall.

Hessen noch gut versorgt
Rund 800 Babys wurden 2025 im Hersfelder Klinikum geboren, im Klinikum Werra-Meißner in Eschwege waren es 362 Babys, im Fuldaer Klinikum 1831. Die drei Kliniken sind für Mütter aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg meist die nächste Anlaufstelle für die Geburt. In Hessen begleiten jährlich 1.467 Hebammen rund 61.000 Geburten. Das Land gehört mit über vier Hebammen pro 100.000 Einwohnern zur Spitzengruppe in Deutschland.(Quelle: HZ v. 05.05.2026_ELISABETH SENNHENN)