Aufklären ist mir eine Herzensangelegenheit

Bad Hersfeld – Ein Leben ohne Schmerzen kann sich Samira Rimer aus Bad Hersfeld kaum mehr vorstellen. Seit der Pubertät leidet die 31-Jährige unter Endometriose, einer gutartigen, aber chronischen Erkrankung, bei der Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle wächst. Es siedelt sich beispielsweise an den Eierstöcken, im Bauch- und Beckenraum, am Darm oder Bauchfell an, kann aber auch an anderen Stellen im Körper wachsen.
Viele Betroffene leiden unter starkenSchmerzen.Eine weitere, häufig auftretende, Folge ist laut der Endometriose Vereinigung Deutschland eingeschränkte Fruchtbarkeit. Trotzdem vergeht oft viel Zeit, bis Frauen wie Samira Rimer eine
Erklärung für ihre Beschwerden bekommen und dannauch entsprechend therapiert werden können. Endometriose ist
behandelbar, allerdings nicht heilbar.
Auch bei ihr habe es tatsächlich zehn Jahre lang gedauert, bis sie sich nach einem Arztwechsel endlich ernst genommen fühlte – und sie nicht nur die Diagnose Endometriose erhielt, sondern auch direkt eine
Überweisung ineine Spezialklinik, wo bei einer Bauchspiegelung schließlich diverse Verwucherungen, Verklebungen und
Entzündungen festgestellt worden seien, sogenannte Endometriose-Herde.

Die Bad Hersfelderin wurde operiert. Aufgrund des extremen Ausmaßes und der zu tief eingedrungenen Endometriose
konnten die Herde laut Rimer jedoch nicht mehr entfernt werden. Lediglich ein paar Verklebungen konnten gelöst werden. „Wären meine Beschwerden und Schilderungen früher ernstgenommen und weitergehend untersucht worden, wäre das eventuell möglich gewesen oder es wäre erst gar nicht so schlimm gekommen“, meint Rimer, die sich mit Blick auf die Folgen deshalb auch an dieÄrztekammer gewandt hat und möglichen Schadensersatz prüft.
Im Gespräch macht die junge Frau einen fröhlichen und abgeklärten Eindruck, doch natürlich trage sie auch eine gewisse Wut in sich und es gebe durchaus Tage, an denen sie ihre Erkrankung „extrem runterziehe“.
Warum sie trotz jahrelanger Schmerzen so lange gewartet hat mit dem Arztwechsel? „Ich habe meiner Ärztin vertraut“,
sagt Rimer, zumal sie selbst ja keinen medizinischen Hintergrund habe. Auch ein Hausarztbesuch habe sie nicht weitergebracht. Und: „Die meisten Praxen nehmen gar keine neuen Patienten auf.“
Trotz inzwischen anerkannter Schwerbehinderung ist die gelernte Automobilkauffrau in Vollzeit berufstätig.
Gleichwohl möchte sie sich Zeit nehmen, um über Endometriose aufzuklären. Denn Rimer glaubt, dass viele noch nie
davon gehört haben, obwohl sie vielleicht selbst betroffen sind und obwohl das Thema in den Medien und in der Öffentlichkeit zumindest deutlich präsenter sei als noch vor einigen Jahren.

Schon bei ihrer ersten Periode als Jugendliche habe sie starke Schmerzen verspürt, dachte aber, das sei normal. Im Laufe der Jahre kamen jedoch weitere Beschwerden hinzu, etwa an Darm und Blase. „Ich habe verschiedene Schmerzmittel und Hausmittelchen ausprobiert, doch nichts hat wirklich geholfen“, berichtet Samira Rimer.
„Ich habe mich an jeden Strohhalm geklammert. Man fühlt sich hilflos.“

Auch Samira Rimer ist Mitglied in der Endometriose Vereinigung Deutschland, über die sie unter anderem regelmäßig
über den aktuellen Forschungsstand und Veranstaltungen zum Thema informiert wird. In verschiedenen Internetforen
tauscht sie sich darüber hinaus ebenfalls noch mit Betroffenenaus.
Gemeinsam mit einer „Mitleidenden“, wie Rimer sagt, plant sie aktuell die Gründung einer Selbsthilfegruppe für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

„Es ist eine Herzensangelegenheit für mich, aufzuklären“, erklärt sie. Rimer hofft, dass anderen mit mehr eigenem Vorwissen früher geholfen werden kann als ihr selbst.
Hinzu kommt bei Samira Rimer indes noch eine weitere „typische Frauenkrankkeit“:
Das Lipödem, eine ebenfalls chronische, schmerzhafte Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft.
Typisch sind Fettvermehrungen an Beinen oder Armen, gegen die auch Sport und Diät nicht helfen. Schwere Gliedmaßen, Spannungsgefühl und häufig blaue Flecken sind Folgen,die auch die Bad Hersfelderin beschreibt.
„Ich habe leider beides erwischt“, sagt sie. Ob es einen Zusammenhang zwischen Endometriose und Lipödem gibt, sei
noch offen, werde aber erforscht. Mit Sport, einer entsprechenden Ernährung und Lymphdrainage versucht die 31-
Jährige, die Erkrankung einzudämmen. Sie möchte sich außerdem einer Operation an Armen und Beinen unterziehen,
für die sie die Kosten allerdings selbst tragen muss, da sich das Lipödem bei ihr noch nicht im „zuschussfähigen Stadium“ befinde, wie sie sagt.
Ihre Endometriose bekämpft Rimer, so gut es geht, inzwischen mit einer Hormontherapie, die jedoch auch nicht ohne
Nebenwirkungen sei. „Ich habe nun weniger Schmerzen als früher, dafür aber Schlafstörungen“, berichtet sie. In der
Klinik, in der sie operiert wurde, unterzieht sie sich jährlich einer Kontrolle.
Rimer hofft weiterhin, irgendwann ohne Schmerzen leben zu können. Auchi hren Kinderwunsch hat die verheiratete
31-Jährige noch nicht ganz aufgegeben, wenngleich eine Schwangerschaft auf natürlichem Wege ausgeschlossen sei
und auch eine künstliche Befruchtung nur geringe Erfolgschancen biete.
NADINE MEIER-MAAZ
Kontakt zur Selbsthilfegruppe:
SHG-Endometriose-hef@gmx.de

"Gewebeprobe nötig“

DREI FRAGEN an Dr. Boris Goldmann, Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum

Dr. Boris Goldmann, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Klinikum Bad Hersfeld, erklärt Diagnose und Behandlung mit Blick auf die aktuellen Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie der Endometriose in den gemeinsamen Leitlinien der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Gynäkologie und
Geburtshilfe.

Mit welchenVerfahren kann Endometriose in der Klinik eindeutig diagnostiziert werden?
Die Sicherung der Verdachtsdiagnose Endometriose ist nur mit einem histologischen Nachweis anhand einer Gewebeprobe möglich. In unserem Haus wird ein minimal invasives Verfahren praktiziert: Eine diagnostische Bauchspiegelung.

Welche operativen und medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten schließen sich an?
Man unterscheidet zwischen einer operativen und einer konservativen Therapie. Nur in seltenen Fällen einer fortgeschrittenen Endometriose, wenn man vom Befall mehrerer Organe spricht, kommt ein Bauchschnitt infrage. Ansonsten erfolgt eine therapeutische Bauchspiegelung, wobei die Endometrioseherde idealerweise vollständig entfernt werden.
Endometriose ist eine chronische Erkrankung, die eine langfristige Therapieplanung erfordert. Dabei müssen individuelle Faktoren wie Symptome, Familienplanung und mögliche Organschäden berücksichtigt werden. Zur Behandlung stehen verschiedene Ansätze zur Verfügung: Die Basis bilden konservative Therapieformen, darunter hormonelle und/oder
medikamentöse Optionen.

Wird Endometriose auch im Klinikum „behandelt“ oder müssen sich Betroffene aus dem Landkreis an andere Kliniken wenden?
Einer der Schwerpunkte der Frauenklinik am Klinikum Hersfeld-Rotenburg ist auch die Behandlung der Endometriose,
die im Rahmen unseres Interdisziplinären Kompetenzzentrum Minimalinvasive Operationen stattfindet. Daran sind
auch die Kliniken für Urologie und Allgemein- und Viszeralchirurgie beteiligt. Gemeinsam mit der Klinik für Radiologie
und dem Institut für Pathologie werden die prä- und postoperative Diagnostik durchgeführt.

Regelmäßige Kontrolle ist wichtig

DREI FRAGEN AN Thanas Nitsa, Facharzt für Frauenheilkunde im MVZ Hersfeld-Rotenburg

Facharzt Thanas Nitsa hat im Praxisalltag regelmäßig mit Endometriose zutun.
Viele Betroffene fühlen sich offenbar nicht ernstgenommen mit ihren Beschwerden.

Warum wird Endometriose sooft nicht oder erst spät erkannt?
Endometriose wird tatsächlich spät erkannt.Im Schnitt dauert es zwischen sieben und zehn Jahren bis zur Diagnose. Gründe dafür sind: Die starken Regelschmerzen gelten oft noch als normal. Dadurch werden Warnsignale sowohl von der Patientin als auch vom Arzt übersehen. Die Beschwerden äußern sich unterschiedlich, von Unterbauchschmerzen, Rückenschmerzen, Dyspareunie (Schmerzen vor, während oder nach dem Geschlechtsverkehr, Anm. der
Red.) bis zu Verdauungsproblemen und unerfülltem Kinderwunsch. Das kann zu Verwechslungen mit anderen Erkrankungen wie Darmerkrankungen, Blasenbeschwerden, Verwachsungen usw. führen.
Eine sichere Diagnose ist allein durch Anamnese, klinische Beschwerden und/oder Sono-Untersuchungen oft nicht möglich. Nur eine Bauchspiegelung (Laparoskopie) kann eine Diagnose sicherstellen. Diesen Schritt aber zögern Ärzte zu früh zu gehen.

Wie häufig haben Sie in Ihrem Praxisalltag mit Endometriose zu tun?
Wie viele Frauen betrifft diese chronischeErkrankung nach Ihrer Erfahrung?
Endometriose kommt wahrscheinlich häufiger vor, als wir denken. In meiner Praxis deckt sich die Zahl etwa mit dem
deutschlandweiten Durchschnitt, also etwa zehn bis zwölf Prozent aller Patientinnen – sofern ich bei allen die
richtige Diagnose gestellt habe.
Möglich, dass einige Patientinnen noch nicht richtig diagnostiziert wurden, aber ich gebe mein Bestes, die Diagnose früh
und richtig zu stellen.

Bei welchen Symptomen sollten Frauen ihren Arzt oder ihre Ärztin ansprechen, bei welchen Warnsignalen sollte man unbedingt den Gynäkologen oder die Gynäkologin aufsuchen?
Die Beschwerden können, wie gesagt, sehr unterschiedlich sein. Bei einigen typischen Symptomen aber sollte man
sich an seinen Arzt oder seine Ärztin wenden. Dazu zählen starke oder ungewöhnliche Regelschmerzen, Schmerzen, die mit der Zeit stärker werden.
Auch Schmerzen, die außerhalb der Periode auftreten, wie ein Ziehen, Stechen oder Dumpfschmerz, die schwer zu
lokalisieren sind. Schmerzen beim Sex, starke und unregelmäßige Blutungen, Schmerzen beim Wasserlassen oder Stuhlgang, vorwiegend in der Periodenzeit, können ein Zeichen für von Endometriose betroffene Blase oder Darm sein. Unerfüllter Kinderwunsch, starke Müdigkeit und Erschöpfung.

Unbedingt einen Gynäkologen oder eine Gynäkologin aufsuchen sollten Frauen, wenn die Schmerzen neu auftreten oder sich verschlimmern, wenn kein Schmerzmittel mehr hilft und dieSymptome in jedem Zyklus auftreten. Manche Frauen haben trotz vorhandener Endometriose keine Beschwerden.
Deswegen ist eine regelmäßige Kontrolle so wichtig.

Forschung am männlichen Standard orientiert

Hersfeld-Rotenburg – „Der Einfluss des Geschlechts auf die Gesundheit wird noch immer unterschätzt – und das hat konkrete Folgen für Patientinnen und Patienten“, kritisiert die heimische Landtagsabgeordnete Kaya Kinkel (Grüne), die sich mit demThema bereits seit Längerem befasst.
Noch immer orientierten sich Forschung, Diagnostik und Therapie häufig am männlichen Standard. „Studien belegen, dass Frauen in Notaufnahmen länger warten und später Schmerzmittel erhalten. Herzinfarkte bei Frauen werden
häufiger zu spät erkannt, weil ihre Symptome nicht dem ‚klassischen‘ männlichen Bild entsprechen. Gleichzeitig sind
typische Frauenerkrankungen wie Endometriose lange kaum erforscht worden–während in andere Bereiche, wie zur Untersuchung von Erektionsstörungen, deutlich mehr Mittel geflossen sind“, kritisiert sie unter anderem.
Doch auch Männer leiden laut Kinkel unter fehlender geschlechtersensibler Medizin, zum Beispiel wenn Osteoporose als vermeintliche „Frauenkrankheit“ zu spät diagnostiziert werde.

Das Problem sei also kein Nischenthema, sondern eingrundsätzliches Problem unseres Gesundheitssystems. „Deshalb brauchen wir einen Strukturwandel: Geschlechtersensible Medizin muss verbindlicher Bestandteil medizinischer Aus- und Weiterbildung werden“, fordert sie. „Wir müssen den Gender-Data-Gap in der Forschung schließen und sicherstellen, dass Medikamente und Therapie passend, wirksam und sicher sind.“ ed/nm

 Hier finden Sie den Artikel aus der Hersfelder-Zeitung vom 26.05.2026