„Oma, du musst doch hören, was ich dir sagen will!“

Vogelzwitschern, Kinderlachen oder Rock- und Pop- Musik – all das sind Dinge, die Petra Meist noch nie so gehört hat wie andere. Seit ihrer Kindheit leidet die 56-Jährige an einer beidseitigen Schallschwerhörigkeit, die erblich bedingt ist. Termine bei HNO-Ärzten und Akustikern halfen nur begrenzt, da kein Hörgerät den Wunsch nach „natürlichem Hören“ ermöglichen konnte. „Es brummte, summte, tat weh und führte zu Kopfschmerzen“, erinnert sie sich. Entsprechende Alternativen mussten her oder – wie in ihrem Fall – Methoden, um unangenehmen Situationen aus dem Weg zu gehen. „Man entwickelt dann Strategien, indem man zum Beispiel Telefonate meidet und lernt, Lippen zu lesen oder Mimik zu deuten. In meiner Freizeit lagere ich gerne mit der ‚Interessengemeinschaft Mittelalter erleben‘ auf Mittelaltermärkten. Die Abende am Lagerfeuer habe ich frühzeitig verlassen, da ich bei den Gesprächen die Worte der Gruppenmitglieder nicht verstehen konnte.“

Als Pflegedienstleiterin in einem ambulanten Pflegedienst musste die heutige Lauterbacherin häufig telefonieren, konnte also nicht auf Lippenlesen zurückgreifen. Deshalb habe sie viele Patienten lieber vor Ort besucht und versucht, so ihre Schwäche zu kompensieren. Habe oft härter und länger gearbeitet als andere. Letztendlich habe ihre Schwerhörigkeit jedoch dazu geführt, dass sie ihren Job verloren hat. „Taubheit wird in unserer Gesellschaft oftmals auch mit Begriffsstutzigkeit oder gar Dummheit assoziiert“, weiß sie aus eigener Erfahrung.

Der Verlust des Augenlichts trennt uns von Dingen, der des Hörens trennt uns von allen Menschen.

Als das eigene Enkelkind sie schließlich damit konfrontiert, sie müsse ihn doch verstehen können, entscheidet sie sich dazu, selbst aktiv zu werden. Online sucht sie nach Alternativen und stößt dabei auf die Initiative „Ich will hören“ des Herstellers Cochlea. Kurzerhand schlug sie ihrem HNO-Arzt die Behandlung selbst vor und wurde gemäß ihrem Wunsch in das Klinikum Bad Hersfeld zum Team rund um Chefarzt Prof. Dr. Issing verwiesen. Issing, der bereits über 800 Cochlea Implantate gesetzt hat, arbeitete mehr als zehn Jahre lang an der medizinischen Hochschule Hannover als leitender Oberarzt. Als erfahrener HNO-Arzt haben er und sein Team in Petra Meist eine klassische Kandidatin für das Cochlea Implantat erkannt. „In der Tat ist Frau Meist die richtige Patientin für die Behandlung“, erläutert Jessica Schneider, Audiologin in Issings Team. „Bei Frau Meist handelt es sich um einen hochgradigen bis vollständigen Hörverlust beider Ohren. Nicht der Nerv ist hier das Problem, sondern die feinen Härchen im Ohr, die die Nervenimpulse generieren und verstärken.“

Aufregend waren vor allem die Tage direkt vor der Operation. Die Freude und Hoffnung auf ein besseres Hören im Anschluss jedoch noch größer.

Im Rahmen der ersten Operation wurde Petra Meist am linken Ohr ein Implantat in die Hörschnecke gesetzt. Rund vier Wochen nach dem erfolgreichen Eingriff hat Jessica Schneider den am Kopf getragenen Sprachprozessor bei ihr aktiviert. „In der Regel hören die Patienten nach der Aktivierung und der ersten Justierung des Prozessors nur Geräusche in unterschiedlichen Lautstärken. Bei Frau Meist war das jedoch anders. Sie hat mich sofort so gut verstanden, dass wir uns spontan zu einem Sprachtest entschieden haben, in dem sie auf Anhieb zwischen 80 und 90 Prozent erreicht hat. Das ist sicherlich die Ausnahme“, berichtet Schneider und freut sich dabei gemeinsam mit ihrer Patientin. Meist selbst sagt heute, dass das erste Vogelkonzert, welches sie beim Spazierengehen mit ihren Hunden in den darauf folgenden Tagen gehört hat, für sie ein echter Gänsehautmoment war.

Rund 35 Cochlea-Hörimplantate setzen Chefarzt Peter Issing und sein Team am Klinikum Bad Hersfeld jährlich in das Innenohr ihrer Patienten. Jessica Schneider, die in Hamm-Westfalen studiert hat, ist seit 2019 fester Bestandteil des Teams. Die 24-Jährige begleitet Frau Meist seit ihrem ersten Tag im Klinikum Bad Hersfeld. „Das Cochlea Implantat besteht aus den beiden Bestandteilen Implantat und Sprachprozessor. Der Sprachprozessor nimmt Geräusche aus der Umwelt in Form von Schallwellen auf und wandelt diese in digitale Informationen um. Über eine Spule werden diese in elektrische Impulse umgewandelt und an das Implantat im inneren des Ohrs weitergegeben. Dort werden dann die Fasern der Hörschnecke stimuliert und als Signale an das Gehirn weitergegeben. Damit verstärkt das Cochlea Implantat nicht Geräusche aus der Umwelt, sondern umgeht geschädigte Bereiche im Innenohr.“ Mittlerweile eignen sich immer mehr Hörgeschädigte oder gar taube Personen für die Behandlung mit dem Cochlea Implantat. „In der Hals-Nasen-Ohren-Klinik im Klinikum Bad Hersfeld gehört sie zu den am häufigsten durchgeführten Operationen im Bereich der Hörimplantate“, ergänzt Jessica Schneider. Während das Alter keine besondere Rolle bei der Implantation spielt, so ist vor allem der Zeitpunkt der Hörschädigung von Bedeutung: Cochlea Implantate sollten genauso wie andere Hörgeräte am besten so schnell wie möglich gesetzt werden, bevor der Hörnerv Dinge vergisst oder das Gehirn Prozesse nicht mehr richtig ansteuern kann.

Bei Petra Meist sind gleich beide Ohren betroffen, weshalb es für sie laut Jessica Schneider keine andere Therapieform gibt: „Deshalb hat auch die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung übernommen.“

Nach der erfolgreichen Operation hat Petra Meist auch regelmäßig mit einer Logopädin an ihrem Sprachverstehen und ihrer Aussprache gearbeitet. Dabei fiel ihr auf, dass ihr Hörgerät im rechten Ohr Probleme bereitet hat. Summen und Störgeräusche machten das gemeinsame Arbeiten schwierig, sodass sie kurzerhand das Hörgerät ablegte. „Geplant war zu diesem Zeitpunkt, auch rechts ein Cochlea Implantat einzusetzen“, erläutert Jessica Schneider. Dann kam es jedoch zur Corona-Krise und Behandlungen wie die von Petra Meist wurden zunächst einmal verschoben. Auch die Logopädin konnte sie nicht weiter aufsuchen. An den bisherigen Erfolg konnte also nicht angeknüpft werden.

Heute hat Petra Meist in beiden Ohren ein Cochlea Implantat und geht regelmäßig zur Logopädie. Während das linke Implantat bereits stabil eingestellt ist, justieren Jessica Schneider und Petra Meist in regelmäßigen Sitzungen die rechte Seite. Die Audiologin und ihre Patientin, die nun seit über einem Jahr erfolgreich zusammen arbeiten, könnten auf Lebzeiten ein Team werden: Patienten mit einem Cochlea Implantat sollten sich mindestens einmal jährlich zu einer Nachsorge vorstellen. Die 56-Jährige kann damit heute wieder voll ihrem Beruf nachgehen und hat sich sogar zur Qualitätsbeauftragten weitergebildet. Vor allem das Telefonieren bereitet ihr heute keine Probleme mehr, da sie ihr Handy per Bluetooth mit dem Sprachprozessor verbinden kann und damit sogar freihändig sprechen kann. „Mein Enkel beschwert sich heute, dass die Oma alles hört - auch das was sie nicht hören soll.“

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